Die Karten neu mischen
Spielen als therapeutisches Element
Auf den ersten Blick wirkt es fast banal: Menschen spielen Brettspiele, würfeln, legen Karten oder puzzeln geduldig. Doch dahinter steckt weit mehr als blosse Unterhaltung. In der Klinik Zugersee wird das Spielen gezielt als therapeutisches Element eingesetzt – um Ressourcen zu aktivieren, kognitive und soziale Kompetenzen zu fördern und den Patientinnen und Patienten das Erleben von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen.
«Einmal hatten wir eine Patientin, die in Gedankenschleifen gefangen war», erinnert sich Stefan Nussbaumer, Co-Pflegeleiter der Klinik Zugersee. «Über einfache spielerische Angebote – Eile mit Weile, später Brändi Dog – hat sie gelernt, sich wieder auf etwas Neues einzulassen. Stück für Stück konnte sie ihre Konzentration steigern, und als sie das Spiel schliesslich geschafft hat, war das ein echter Durchbruch. Sie hat gespürt: Ich kann das wieder!» Dieses Erfolgserlebnis blieb nicht auf den stationären Aufenthalt beschränkt. Nach ihrem Austritt erzählte die Patientin, dass sie nun regelmässig mit ihrem Partner spiele – und seither seltener in depressive Phasen falle. «Das Spielen wurde hier zu einem integralen Bestandteil ihrer Coping-Strategien», sagt Nussbaumer.
Station Privé: Teamgeist erleben
Ob Brändi Dog, Mikado oder ein Puzzle – die Pflegefachpersonen passen den Schwierigkeitsgrad individuell an. «Es geht nicht darum, einfach zu gewinnen», erklärt Nussbaumer. «Spielen kann auch bedeuten, Pausen zuzulassen, Frustration auszuhalten und nach Rückschlägen weiterzumachen. Genau diese Fertigkeiten gehen in einer psychischen Krise oft verloren.» Besonders in Gruppensettings fördern Jassrunden oder gemeinsame Rummikub-Spiele die sozialen Kompetenzen. «Je nach Gruppendynamik und Schwere der Erkrankung organisieren sich die Patientinnen und Patienten auch selbst. Sie übernehmen Verantwortung, planen und reflektieren – das stärkt das Gemeinschaftsgefühl enorm. Gerade kürzlich haben wir das wieder eindrücklich auf unserer Station Privé erlebt», erzählt Nussbaumer.
Zwischen Skepsis und Begeisterung
Natürlich stossen spielerische Angebote nicht bei allen auf Zustimmung. «Oft hören wir den Satz: Ich bin doch nicht im Kindergarten!», sagt Nussbaumer schmunzelnd. «Dann wählen wir ein komplexeres Spiel und erklären, was es bewirkt – Ausdauer, Konzentration, Teamfähigkeit.» Niemand werde gezwungen: «Wie bei allen anderen Therapien auch, sind es Angebote. Aber wenn jemand erlebt, dass er echte Fortschritte macht, kippt die Skepsis meist ganz von allein.» Auch Übermotivation komme vor. «Manche wollen gar nicht aufhören. Dann lernen sie, sich ihre Kräfte einzuteilen und Grenzen zu akzeptieren – das Spielen ist ein Lernfeld.»
Neue Wege mit digitalen Spielen
Auch digitale Spielangebote gewinnen an Bedeutung. Auf der Station für junge Erwachsene G3 Süd kommen etwa Nintendo Switch-Spiele wie virtuelles Tennis oder Bowling zum Einsatz – sie fördern Bewegung, Reaktionsvermögen und Motivation zugleich. «Aber auch bei Menschen mit beginnender Demenz haben wir mit digitalen Spielen gute Erfahrungen gemacht», berichtet Nussbaumer. «Sie bewegen sich aktiv, trainieren Reaktion und Koordination – und haben Spass dabei.» Aktuell prüft die Station weitere digitale Angebote, etwa Ballwurfspiele mit Bewegungssensoren. Der Transfer in den Alltag ist zentral – Spiel ist dann gelungen, wenn seine Wirkung über den stationären Aufenthalt hinaus anhält.

